eCl@ss oder ETIM? Der Standard folgt dem Abnehmerkanal
eCl@ss oder ETIM: Über diese Frage wird in vielen Teams länger diskutiert als nötig. Die Antwort liegt selten in der internen Vorliebe, sondern beim Empfänger des Katalogs. Ob Verbandsportal, Beschaffungsplattform oder eigener Shop: Jeder Abnehmerkanal stellt eigene Anforderungen an Struktur, Merkmale und Pflichtfelder. Wer das ignoriert, klassifiziert später doppelt, verliert Listing-Fähigkeit oder muss Daten mühsam nachpflegen. Genau hier setzt die zentrale Frage an: Nicht welcher Standard besser ist, sondern welcher Empfänger welche Vorgaben macht.
Die Wahl ist damit keine Glaubensfrage, sondern eine Bestandsaufnahme: Welche Systeme empfangen den Katalog, und welche Pflichtfelder verlangen sie? Daraus ergibt sich, welcher Standard als Leitstruktur dient und welcher zusätzlich mitläuft.
Der Empfänger entscheidet, nicht die interne Präferenz
Ob eCl@ss, ETIM oder beide Strukturen geführt werden, entscheidet nicht die Vorliebe im eigenen Haus. Es entscheidet das Zielsystem des Abnehmers. Drei Kanäle sind typisch, und in jedem gibt jemand anderes die Attributanforderungen vor.
- Verbands- und Ausschreibungsportal: Der Verband betreibt das Portal und legt Pflichtfelder sowie Katalogformat fest.
- Beschaffungsplattform eines Großkunden: Der Einkauf des Abnehmers definiert, welche Merkmale ausgewertet werden.
- Eigener Shop: Hier bestimmt der Händler das Pflichtset selbst.
Diese Anforderungen treten fast immer als Pflicht-Attributset auf. Fehlen Merkmale, entstehen unvollständige Listings, Produkte fallen aus Suchergebnissen oder der Einkauf fragt nach. Die Fehlentscheidung kostet doppelt: zwei Klassifikationen, zwei Merkmalspflegen, abweichende Katalogversionen und Nacharbeit bei jeder Produktänderung.
Der Aufwand richtet sich nicht nach der Artikelmenge. Er richtet sich nach der Zahl der Absatzkanäle, Sprachen, geforderten Standards, Änderungsfrequenz und Compliance-Pflichten. Wer seine Produktdaten so aufbereitet, dass Händler und Portale sie ohne Nacharbeit übernehmen, spart sich diese Arbeit von Anfang an.
Der rote Faden: erst Kanal und Pflichtfelder klären, dann Standard wählen, dann Datenmodell und Exportwege festlegen.
eCl@ss: Produkte und Dienstleistungen mit Lizenzstufen
eCl@ss positioniert sich als ISO/IEC-konformer Datenstandard, der Produkte und Dienstleistungen gleichermaßen klassifiziert. Die Abdeckung reicht damit über eine reine Warenklassifikation hinaus, was für Händler mit Serviceleistungen im Sortiment zählt.
Der Standard liegt in zwei Stufen vor:
- Basic: enthält die Klassen in vereinfachter Struktur ohne Merkmalsblöcke.
- Advanced: vollständige Version mit erweiterten Elementen und dynamischen Funktionen.
Die lizenzierte Reichweite hängt von Nutzerrolle und Anwendungsfall ab: Einzellizenz für ein Release, Abonnement mit allen Aktualisierungen, für Vereinsmitglieder ohne Zusatzkosten.
Im technischen Handel trägt eCl@ss strukturierte Warengruppen, Merkmalslisten je Klasse mit Werten und Einheiten sowie die Anbindung an Katalogformate und Beschaffungssysteme. Damit wird eCl@ss als gemeinsame Sprache zwischen Lieferant und Einkauf nutzbar.
Aktuelle Versionsnummern sowie Klassen- und Merkmalszahlen ändern sich mit jeder Veröffentlichung, prüfen Sie diese auf den offiziellen Seiten von eclass.eu.
Für das Datenmodell heißt das: Klassen und Merkmale werden als eigene, versionierbare Struktur mit Kennungen gepflegt. Ein Freitextfeld im Produktstamm verschenkt die maschinelle Auswertbarkeit und erschwert jede Kataloglieferung.
ETIM: klassenbasierte Merkmale mit Verbandsgovernance
ETIM arbeitet klassenbasiert: Jede Produktklasse trägt ein festes Set an Merkmalen, und Produkte werden über die Zuordnung normierter Werte vergleichbar. Das Regelwerk definiert dazu Naming, Notation, Übersetzungen und Austauschformate; maßgeblich sind die jeweils aktuellen Leitlinien von ETIM International.
Getragen wird der Standard von Verbänden und Kooperationen. Änderungen laufen über Expert Groups, ein Technical Committee und Requests for Change.
Für Ausschreibungen und Beschaffungsplattformen zahlt sich das aus: Einheitliche Merkmalsbezeichnungen erlauben filtern, vergleichen und auswerten, ohne beim Lieferanten nachzufragen.
Die Grenzen liegen im Anwendungsbereich. Kern sind technische Produkte; Serviceklassen, Zubehör und Sets sind geregelte Randbereiche, nicht der Schwerpunkt.
Belastbare Mitglieder- oder Länderzahlen nennt die Primärquelle hier nicht. Prüfen Sie aktuelle Stände direkt auf den Seiten von ETIM International. Wann ein eigenständiges PIM sinnvoll ist, hängt von Kanälen, Sprachen und geforderten Standards ab, nicht von der Artikelzahl. Eine Einordnung bietet der Beitrag PIM-System oder ERP-Modul.
Verbandsportal: der Verband gibt den Standard vor
Im Verbandsportal verschiebt sich die Entscheidung: Der Verband betreibt das Portal, definiert die Pflichtfelder und legt fest, in welchem Standard und welchem Katalogformat Kataloge eingeliefert werden. Häufig verlangen Verbandsportale eCl@ss oder ETIM, dazu ein BMEcat-Austauschformat in einer festgelegten Version. Praktisch heißt das: Pflichtfelder beim Portalbetreiber abfragen, Attributliste abgleichen und fehlende Merkmale im Datenmodell ergänzen. Typische Rückläufer sind fehlende Klassenzuordnung, unvollständige Merkmalswerte, abweichende Einheiten und fehlende Pflichtangaben zur Produktsicherheit. GPSR-relevante Felder gehören deshalb von Anfang an als Pflichtfelder ins Datenmodell. Seit dem 13. Dezember 2024 gilt die Verordnung (EU) 2023/988 vollumfänglich in der EU. Kanäle geben Produkte erst frei, wenn diese Angaben befüllt sind. Was das für stationäre und digitale Kanäle bedeutet, erklärt der Beitrag zur Produktsicherheitsverordnung im stationären Handel.
Beschaffungsplattform: Merkmalsdisziplin zahlt sich aus
Anders als im Verbandsportal, wo der Verband die Pflichtfelder setzt, tritt bei Beschaffungsplattformen der Einkauf des Großkunden als Anforderer auf. In OCI-Umgebungen definiert er seinen Bedarf über Merkmale und Suchbegriffe, nicht über den Produktnamen. Ausgewertet wird in der Regel nur, was in der Klassifikation der Plattform oder in ETIM-Klassen hinterlegt ist; alles andere bleibt unsichtbar. Reale Umgebungen sind Onventis, Unite/Mercateo, simple system, ausschreiben.de, OXOMI und vergleichbare Systeme.
Vollständig befüllte Merkmale erhöhen die Trefferquote bei Suchanfragen und senken Rückfragen sowie Reklamationen im Einkauf des Kunden. Welche Felder dabei zählen, zeigt der Beitrag Produktdaten optimieren.
In der öffentlichen Beschaffung ist die Merkmalslogik kaum verhandelbar: Die UVgO regelt Vergaben unterhalb der EU-Schwellenwerte und gibt in § 23 die Leistungsbeschreibung vor (vergabe.plus). Wer hier liefert, muss die geforderten Attribute exakt bedienen.
Eigener Shop: minimale Attribute, die zur Kaufentscheidung führen
Im eigenen Shop legen Sie das Pflichtset selbst fest. Das ist die komfortabelste Ausgangslage, weil weder Verband noch Plattformbetreiber Feldlisten vorgeben.
Für die Kaufentscheidung genügt ein Mindestumfang:
- Kategoriezuordnung und technische Merkmale
- Einheiten und Verpackungsangaben
- Bildmaterial und Dokumente
- Produktsicherheitsangaben als Pflichtfelder
Shopsysteme wie Shopware 6, SHOPcloud360, OSG Trade, gevis COMMERCE, SellSite, Odoo und Electronic Sales übernehmen diese Felder per Import oder Schnittstelle.
Marktplatznahe Kanäle wie das Google Merchant Center gehen darüber hinaus und verlangen zusätzliche Felder nach ihrer jeweils aktuellen Produktdaten-Spezifikation, etwa zu Verfügbarkeit, Versand oder Zustand.
Wer eCl@ss und ETIM ohnehin für Verbandsportal und Beschaffungsplattform pflegt, kann beide Strukturen im Shop als Filterebene nutzen. Eine dritte Merkmalswelt allein für den Shop entfällt damit.
Entscheidungsmatrix nach Abnehmerkanal
Nach dem eigenen Shop, dem einzigen Kanal mit selbst definiertem Pflichtset, lohnt der Blick auf die Kanaltypen, bei denen andere die Regeln setzen. Die folgende Matrix ist redaktionelle Orientierung aus der Praxis, keine normative Festlegung. Pflichtfelder legt immer der Betreiber des Zielsystems fest.
| Kanal | Standard | Austauschweg | Schwerpunkt |
|---|---|---|---|
| Verbandsportal | folgt dem Verband, eCl@ss oder ETIM je Mitgliedschaft | BMEcat in der vom Portal geforderten Version | Pflichtfelder und Compliance-Angaben |
| Beschaffungsplattform | Plattformvorgabe, ETIM-Klassen meist gesetzt | BMEcat oder API | Such- und Vergleichbarkeit über Merkmale |
| Eigener Shop | frei wählbar, eCl@ss oder ETIM als Filterstruktur | Shop-Import oder Schnittstelle | kaufentscheidende Attribute, erweiterbar um SEO-Felder |
Für die Wahl heißt das: Listen Sie zuerst alle empfangenden Systeme mit ihren Pflichtfeldern auf, bilden Sie dann die Schnittmenge der Merkmale und entscheiden Sie erst danach, welche Klassifikation als Leitstruktur dient und welche zusätzlich mitgeliefert wird.
Der Umkehrschluss wäre ein Fehler. Eine einzige Klassifikation für alle Kanäle zu erzwingen führt zu Verzerrungen und Mehrarbeit, weil kein Standard alle Empfängeranforderungen gleichzeitig erfüllt.
BMEcat und Releasezyklen sauber mappen
Aus der Matrix folgt eine zweite, oft übersehene Entscheidung: Format und Klassifikation sind getrennt zu wählen. BMEcat beschreibt den Transport der Katalogdaten, die Klassifikation beschreibt ihre Bedeutung. eCl@ss führt BMEcat als eigenen Zweig seiner technischen Spezifikation, ETIM pflegt eine eigene BMEcat-Guideline.
Deshalb gehört die BMEcat-Version neben den Klassifikationsstand. Empfänger lassen nur bestimmte Kombinationen zu und lehnen andere ab. Prüfen Sie beides, bevor der Export läuft.
Zuordnungen führen Sie über stabile Schlüssel, etwa Klassenkennungen und Merkmalskennungen. Bezeichnungstexte ändern sich mit jedem Release, Kennungen bleiben adressierbar.
Versionsstände und Freigabetermine treffen Sie nicht als Annahme. Sehen Sie in den Release-Übersichten von eCl@ss und ETIM International nach.
Bei neuen Releases gilt: Zuordnungstabelle prüfen, nicht neu aufbauen. Ist sie strukturiert im Datenmodell hinterlegt, bleibt das eine Prüfaufgabe. Wie Im- und Export über BMEcat daneben laufen, zeigt die zugehörige Funktionsseite.
Doppelte Klassifikationsarbeit vermeiden
Sind Format und Klassifikation getrennt gemappt, entscheidet die Datenhaltung darüber, ob diese Arbeit dauerhaft trägt. Wird pro Kanal separat klassifiziert, entstehen mehrere Wahrheiten über dasselbe Produkt. Jede Änderung muss in jeder Struktur nachgezogen werden, und Katalogversionen laufen auseinander.
Das Lösungsmuster: eine Leitklassifikation im Produktdatenmodell, darauf aufbauend Zuordnungstabellen für jeden weiteren Standard und jedes Katalogformat. So bleibt eine Änderung an einer Stelle, die Ableitungen erfolgen automatisch. Die Grundlagen dazu stehen im Beitrag Produktdatenmanagement für Händler.
Ein PIM-System übernimmt genau diese Rolle. nextPIM verwaltet Produktdaten zentral, klassifiziert nach eCl@ss und ETIM und spielt sie kanalgerecht an Shopsysteme, Verbandsportale und Beschaffungsplattformen aus. Uns gibt es seit 2019, hinter uns stehen mehr als 100 erfolgreiche Implementierungen in Handel und Industrie. Kundensysteme mit über einer Million Produkten sind dabei normal.
Der Einstieg liegt bei 600 Euro pro Monat bei jährlicher Abrechnung, weitere Stufen bei 1.200 und 1.800 Euro. Der Support ist in allen Tarifen kostenlos, in den Basis-Paketen per E-Mail, in den höheren zusätzlich per Telefon und Teams.
Der Aufwand bleibt überschaubar: In vier Stunden führen wir Sie vollständig in das System ein, mehr als die Hälfte unserer Kunden geht danach live. Eine neue Plattform ist typischerweise in 48 Stunden angebunden. Klassifikation bleibt damit eine Zuordnungs- und Pflegeaufgabe im Innendienst und wird nicht zum IT-Projekt.
Fazit: Erst den Empfänger klären, dann den Standard wählen
Weder eCl@ss noch ETIM ist pauschal die richtige Wahl. Entscheidend sind die Anforderungen des empfangenden Systems: Wer den Katalog erhält und welche Pflicht-Attribute dort gelten, legt den Standard fest. Aus dieser Erkenntnis folgen vier Handlungsschritte.
- Kanalübersicht anlegen: Dokumentieren Sie alle Abnehmerkanäle mit ihren Pflicht-Attributsets, bevor Sie über die Klassifikation entscheiden. Verbandsportal, Beschaffungsplattform und eigener Shop stellen unterschiedliche Anforderungen an Klassifikation und Merkmalstiefe.
- Leitklassifikation festlegen: Bestimmen Sie eine Struktur als Leitstandard und führen Sie die zweite als Zuordnung mit. So entstehen Kataloge für Portal, Plattform und Shop aus einer Datenbasis.
- Produktsicherheit zuerst: Befüllen Sie die Pflichtfelder für Produktsicherheit von Anfang an. Ohne diese Angaben geben Kanäle Produkte nicht für den Online-Verkauf frei.
- Releasepflege einplanen: Verankern Sie Prüf- und Übergabetermine für neue Standardversionen fest im Pflegeplan, statt sie kurzfristig nachzuziehen.
Mit einer klaren Kanalübersicht und einem zentral gepflegten Datenbestand bleibt die Standardfrage eine Zuordnungsentscheidung und wird nicht zur Dauerbaustelle.
